Burg und Schloss-Steinau– Landesherrschaft und Stadtgemeinschaft

Gerade im Amt des Bürgermeisters sehe ich die Verpflichtung, genau diese gegenseitige Gewährleistung zu pflegen und von allen Beteiligten einzufordern. Nur so entgeht man undemokratischer Hierarchisierung und vermeidet zukünftige Schutzschirme.

Wie jedes Jahr erwacht der gewaltige Schloss-Komplex Steinaus am 1. März aus seinem Winterschlaf und feiert den meteorologischen Frühjahrsbeginn dieses Mal passenderweise mit einer Ausstellung zu den Hessischen Schlössern und Gärten: im mittelalterlichen Gewölbekeller präsentieren sich Arbeiten des Fotografen Michael Leukel, die ausgewählte Perspektiven dieser Anlagen fokussieren und in Bildern verdichten.

Zusammenwirken von Stadt und Land - oder was davon übrig geblieben ist

Ich hatte mir vorgenommen, neben meinem Interesse an der Ausstellung, das Schloss selbst, dieses zentrale, die Stadt dominierende, kultur-historisch überregional bedeutende Monument und den Stand der andauernden Restaurierungsarbeiten zu studieren und, soweit möglich, das seit 2015 mit der Einrichtung einer Dauer-Ausstellung zu den Brüdern Grimm eingetrübte Verhältnis zwischen den Verantwortlichen bei der Stadt und beim Land anzusprechen. Leider gab es keine offizielle Eröffnung der Ausstellung, noch waren bis mittags interessierte Besucher erschienen – dafür eröffneten sich bei einem gemeinsamen Gang durch die Ausstellung mit Frau Buch und ihrem Sohn ein lebhafter Gedankenaustausch über Kultur, Kunst und Kunstgeschichte. Frau Buch nahm sich darüber hinaus auch die Zeit, mir die anderen zugänglichen Räume des Schlosses und der o.g. Brüder Grimm Ausstellung zu zeigen – für ihre herzliche, kompetente und engagierte Begleitung und die anregenden Gespräche möchte ich mich auch an dieser Stelle nochmals aufrichtig bedanken.

Gedanken zum Verhältnis von Schloss und Stadt

Da also der angedachte kulturpolitische Diskurs nicht stattfand, konnte ich mir beim Gang durch das Schloss eigene Gedanken zum Verhältnis von Schloss und Stadt machen; lassen Sie mich einen kurzen Exkurs machen:

Traditionell erzählen wir das historische Verhältnis zwischen Stadt und Land, zwischen Bürgertum und Adel, zwischen Rathaus und Schloss, zwischen demokratischer Partizipation und feudaler Hierarchie als zwei sich entgegenstehende politische Systeme. Wir haben uns darauf verständigt, in der mit der Französischen Revolution 1789 begonnenen Überwindung von Monarchie und Absolutismus einen politischen und gesellschaftlichen Zivilisationsfortschritt zu sehen. Die Aufstände des städtischen Bürgertums gegen Übervorteilung und Bevormundung durch den Adel, die dabei bewirkten Reformen gehören zum Allgemein-Wissen – überdecken aber die langen Perioden gemeinsamer Kooperation!

Das monumentale Zentrum Steinaus veranschaulicht mit aller Klarheit diese Koexistenz von Landesherrschaft und Stadtgemeinschaft und  deren politische Rollenverteilung. Burg und Schloss versinnbildlichen die Sicherheitsgarantien, das Rathaus die Synergien von Arbeit und Wirtschaft. Sie teilen sich den Kumpen als repräsentativen Vorplatz und nehmen die Katharinenkirche in ihre Mitte und demonstrieren so ihren Verbundenheit im gemeinsamen Wertekanon des christlichen Glaubens.

Architektur als Visualisierung von Politik und Gesellschaft

Kunst verrät uns immer etwas über politische Strukturen und soziales Miteinander – in Bildern und Architekturen visualisiert sie am Kumpen Ideal und Wirklichkeit dieser konstruktiven Kooperation, die die kulturelle Blüte Europas trotz aller kriegerischen Auseinandersetzungen sowohl in den bürgerlichen Netzwerken mittelalterlicher Städte, als auch in den späteren dynastischen Verbindungen der Höfe begründet hat.
Bis heute liegt darin auch die Basis des Föderalismus der Nationalstaaten in Europa. Wir können diesen Gegensatz überall, sowohl in den großen, aber auch in den kleineren Residenzstädten unmittelbar ablesen. Und eigentlich sollte es uns leichter denn je fallen, die notwendige Zusammenarbeit zwischen Stadtgemeinschaft und Landesherrschaft im gemeinsamen Interesse zu pflegen und nicht gegeneinander auszuspielen.

Gerade im Amt des Bürgermeisters sehe ich die Verpflichtung, genau diese gegenseitige Gewährleistung zu pflegen und von allen Beteiligten einzufordern. Nur so entgeht man undemokratischer Hierarchisierung und vermeidet zukünftige Schutzschirme. (Es wird auf Dauer nicht reichen, die städtischen Haushalte mit Zuschüssen aus den diversen Fördertöpfen zu legalisieren, wenn, um nur ein Beispiel zu nennen, der Anteil der Kommunen an der Umsatzsteuer bei 2,2 % bleibt.)

Zu sehen ist eine Außenaufnahme vom Schloss Steinaus, mit Blick in den begrünten Burggraben.

Der schöne Schlosskomplex bereichert nicht nur die Innenstadtarchitektur, er zieht auch viele Touristen nach Steinau.