Kommunale Planungs-Souveränität statt Paternalismus

Steinaus beste Experten sind die Steinauer selbst. Als Bürgermeister würde ich daher zuerst diejenigen an einen Tisch bringen, die (wie ich weiß) schon lange über Steinaus touristische Zukunft nachdenken. Fremde Konzepte – wie wir an Ardeas Seenwelt sehen – sind da suboptimal, zumal zu diesem Preis. Ja, auch wir wollen auch einen sanften Tourismus, aber wir wollen einen vielfältigen sanften Tourismus für uns und für die, die uns besuchen.

In der Politik, gerade in der Kommunalpolitik, sollte jegliche Form politischen Handelns direkt an den Interessen der Bürger orientiert sein. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit? Scheinbar nicht.

Auch in Steinau bemerkt man vielfältige Einflussnahmen, die von außerhalb kommen. Da sollen uns Vorstellungen zur Ansiedlung von weiteren Windparks kritiklos als vermeintlich sichere Einkommensquellen der Zukunft schmackhaft gemacht werden, ICE-Trassen-Varianten, die nicht an Steinauer Bedürfnissen orientiert sind, werden angepriesen und das Tourismuskonzept Ardeas Seenwelt wird als  Leuchtturm-Projekt gerühmt.

Völlig vergessen wird, dass das, was woanders richtig sein kann, bei uns in Steinau auf eine völlig andere Ausgangssituation mit ganz anderen Bedürfnissen trifft. Gerade Steinau benötigt mehr Attraktionen, die das bestehende Angebot der Innenstadt mit Theater und Museen, sowie des Erlebnisparks und des Kletterwalds ergänzen. Es sollte ein aus dem Insider-Bewusstsein ausgearbeitetes Gesamtkonzept geben, das die bestehenden Attraktionen kreativ mit neuen ergänzt und alle zusammen mit frischen Spots beleuchtet. Gerade der Kinzig-Stausee bietet kreativer Fantasie so viele Möglichkeiten zu einer neuen Nutzung:

  • Ein Strandbad. Es wurde ein weiteres Mal mit wenig überzeugenden Argumenten wie den Hinweis auf ein angeblich zu trübes Wasser oder der Behauptung gefährlicher Strömungen nicht in Betracht gezogen. Notfalls legen wir halt ein Schwimmbecken in den Stausee.
  • Ein veritabler Biergarten. Er müsste nicht einmal direkt am Ufer gelegen sein.
  • Ein Ruderverein. Er würde das Sport-Angebot nicht nur für Steinau und obere Kinzigtal, sondern für die ganze Rhein-Main-Region qualitativ erweitern und böte die Gelegenheit durch die Veranstaltung von Regatten ein sich wiederholendes attraktives Sportereignis zu institutionalisieren. Alles ohne Belastung der Wasser-Qualität des Stausees.
  • Das Ardeas-Projekt, wenn es nun schon beschlossene Sache ist, wird davon nicht tangiert.

Wenn wir dabei alle modernen Erkenntnisse einer umweltverträglichen Bau- und Nutzungsweise beachten, würde dadurch das Natur-Erlebnis des Stausees nicht beeinträchtigt werden, zumal, wenn wir (wie von mir an anderer Stelle im Bergwinkel-Boten ausgeführt) Fahrrad-Touristen in der Stadt bevorzugen wollen.

Wie wir gehört haben, ist Ardeas Seenwelt ein persönliches Lieblingsprojekt des Landrats und wird mit Mitteln des Zweckverbands und des MKK verwirklicht. Bad Soden/Salmünster ist mit im Boot,  weil es sich gut in das Kurbad-Konzept der Stadt einfügt. Steinau soll sich (obgleich ungefragt) mit einer Summe von 50.000 Euro, einem Zehntel der geplanten Gesamtkosten von einer halben Million beteiligen, hat aber eigentlich fast nichts davon.

Steinaus Tourismuskonzept für den Stausee braucht mehr als eine überteuerte erlebnisorientierte Vogelbetrachtung mit Würstchenbude, Ladestationen für Elektro-Bikes und einen erneuerten Steg für den Bootsverleih. Ein Tourismus-Konzept ist erst dann gut, wenn auch die eigenen Bürger, die Steinauer, die Bad Sodener/Salmünsteraner, die Sinntaler, die Schlüchterner (und *Innen versteht sich) es gerne nutzen.

Es gilt, die überall durch paternalistische Zuwendungen geförderten Souveränitätsverluste der Kommunen zu erkennen und zu verhindern.

Steinaus beste Experten sind die Steinauer selbst. Als Bürgermeister würde ich daher zuerst diejenigen an einen Tisch bringen, die (wie ich weiß) schon lange über Steinaus touristische Zukunft nachdenken. Fremde Konzepte – wie wir an Ardeas Seenwelt sehen – sind da suboptimal, zumal zu diesem Preis. Ja, auch wir wollen auch einen sanften Tourismus, aber wir wollen einen vielfältigen sanften Tourismus für uns und für die, die uns besuchen.

Mit Fragen einer Tourismus-Kultur war ich in meinem Leben oft professionell beschäftigt, zuletzt bin ich es auch auf Sardinien, wo wir ein ergänzendes, ganzjähriges Konzept für den einseitigen Strand-Tourismus entwickeln. Übrigens mit mittlerweile durchschlagendem Erfolg.

Wagen wir eigenes Neues – Nutzen wir Chancen!