Märchen trifft auf Geschichte

Wie man Phantasie ausstellt und gleichzeitig Vergangenheit erzählt

Das Interesse an der eigenen Stadtgeschichte ist historisch immer verbunden mit Demokratisierungs-Initiativen, versuchte man doch, der höfischen eine ebenbürtige, eigene Tradition an die Seite zu stellen. In Steinau hat das etwas länger gedauert. Erst nach dem Ersten Weltkrieg begann mit den Forschungen von Georg Maldfeld und Bernhard Romeiser ein historischer Reflektionsprozess, dessen Erkenntnisse dann in den 1970er Jahren in drei, von Ernst Hartmann herausgegebenen Bänden zur „Geschichte der Stadt und des Amtes Steinau a.d. Straße“ mündete.

Diese Basis historischer Stadtforschung motivierte 1987 die Gründung des „Geschichtsvereins Steinau e.V.“, der sich insbesondere um den Aufbau einer kulturgeschichtlichen Sammlung, den Erhalt der Stadtmauer (Stichwort „Mauerspechte“) kümmert und sich seit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft „Weinbruderschaft ad via regia, A.D. 1670“ auch der Rekultivierung des Weinbaus in der Region widmet.
Gerd Euler, als Nachfolger des langjährigen Vereinsvorsitzenden Hans Joachim Knobeloch, setzt auf Teamgeist für die Fortführung der erfolgreichen Vereinsarbeit.  Unstrittig ist in meinen Augen dabei der große Verdienst des Vereins, die Einbindung Steinaus im europäischen Kontext der Via Regia gefördert zu haben.

Das Amtshaus und die Scheune - zwei architektonische Welten prallen aufeinander

Das dergestalt gewachsene Bewusstsein der eigenen Historizität führte zwei Jahrzehnte später zur Gründung der beiden Museen des Brüder Grimm-Hauses. Sie sind im ehemaligen Amtshaus sowie der dazugehörigen Scheune untergebracht und erhielten damit erstmals öffentlich sichtbaren Ausdruck. Für die Ausstellungskonzeptionen und damit auch für die kulturgeschichtliche Selbstdarstellung der Stadt ist seit 1998 Burkhard Kling verantwortlich. Er kontrastiert in ihnen Illustrationen und Bühnenprospekte der phantasievollen Welt der Grimm’schen Märchen mit einer biographisch-historischen Aufarbeitung der Familie im Amtshaus sowie einer in der Scheune erzählten Dokumentation der kulturgeschichtlichen Perspektive auf Steinau. So treffen eine kindliche Entdeckung der Welt auf den harten alltäglichen Existenzkampf der Erwachsenen, die frühe Sozialisation mittels archetypischen Orientierungsmustern auf die Zwänge und Repressionen der gesellschaftlichen Hierarchien. Küche, Stuben und Kammern charakterisieren das zugleich als Wohnhaus der Familie genutzte Amtshaus, in der barrierefrei-zugänglichen Scheune, erinnert gerade noch die vom Erdgeschoss bis in das ausgebaute Dachgeschoss reichende Leiter von dem jugendlichen Spielen der Brüder Jacob, Wilhelm und Emil. Auch architektonisch sind die beiden Museen also durchaus kontrastreich angelegt – im Amtshaus sind die originalen Räume in ihrer zweckmäßigen Aneinanderreihung enger, während die sanft ansteigende Rampe in der Scheune, die die verschiedenen, frei in der Halle schwebenden Ebenen miteinander verbindet, eher eine modernere Architektursprache sprechen. (Vielleicht sieht man daran auch, wie sehr sich unser Geschmack und unser „way of life“ gewandelt haben und wie schwer es zuweilen ist, Kulturtraditionen – also gelebte Historie – nicht nur im geschützten Raum eines Museums zu konservieren, sondern sinnvoll zu pflegen, ggfs. auch wieder zu beleben und in unsere moderne Urbanität zu integrieren.)

Meine Verpflichtung: die Beteiligten wieder an einen Tisch bitten

Mit Recht ist man in Steinau stolz auf seine beiden städtischen Museen und reagiert mit Unverständnis auf eine Konkurrenz-Ausstellung zu den Brüdern Grimm im Schloss. Die offensichtlich mangelnde Absprache zwischen Stadt und Land irritiert, zumal da Herr Kling Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der in Kassel ansässigen Brüder Grimm-Stiftung ist. Ist es wirklich nur die verletzte Eitelkeit Kassels, weil man 2006 Hanau und Steinau an der Straße den offiziellen Titel „Brüder Grimm-Stadt“ verlieh, Kassel aber, obgleich im Leben und Werk der Grimms mindestens genauso wichtig, nicht berücksichtigte?

Meine Verpflichtung als Bürgermeister ist es, die Beteiligten wieder an einen Tisch zu bitten, für Zusammenarbeit zu werben, weil das Erbe der Brüder Grimm viel zu bedeutend ist, als dieses in Partikular-Interessen zerpflücken zu lassen. Zugleich sind die beiden Museen allein schon wegen ihrer räumlichen Begrenzungen viel zu klein geworden, um der Aufgabe sowohl einer adäquaten Würdigung der beiden National-Heroen - sowie des oft vergessenen dritten Bruders Ludwig Emil Grimm - als auch den vielfältigen Perspektiven der Via Regia umfassend gerecht werden zu können.

Es ist für die Zukunft Steinaus als Kulturzentrum und Ziel eines wachsenden Kulturtourismus von unschätzbarem Wert, mit diesen Pfunden zu wuchern. Ein kleines, hübsches Fachwerkstädtchen mit Schloss allein reicht jedenfalls nicht, ist nicht nachhaltig, auch nicht, wenn noch ein paar Märchenspiele und Mittelalter-Märkte mehr dazukommen. Und wenn die zuständigen Cultural-Players nicht bereit sind mitzuspielen, dann gründen wir eben ein neues, großes, Symphonie-Orchester.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Zu sehen ist das Amtshaus und der vorgelagerte Platz der beiden Brüder Grimm Museen

Der schöne Platz mit dem ehemaligen Amtshaus ist ein Highlight der historischen Altstadt Steinaus.