Mehr Miteinander wagen

Das sonnige Steinau im Frühling: die mit Blumenschalen und Türkränzen geschmückten Treppenaufgänge und Haustüren, die kleinen Hausbänke drücken die Vorfreude auf den Sommer aus, auf das Draußen-Sein, auf die spontane Kommunikation, den geschäftigen Lärm und das sich ständig wechselnde Bild des gemeinsamen öffentlichen Raumes, der erst durch die sich in ihm bewegenden Menschen zum Leben erweckt wird. In den letzten Tagen blieben die Straßen und Plätze jedoch wie überall irritierend leer, boten die surreale Ästhetik einer Bühnenarchitektur ohne Akteure. Steinau schien von seinen Bewohnern verlassen worden zu sein.

Distanz als neue Nähe

Diese bedrückende Stille und Leere folgte aus den verordneten Kontakt-Einschränkungen, aus dem notwendigen Verzicht auf Begegnung, als einzig erfolgversprechende Maßnahme, um der Bedrohung durch den Corona-Virus zu entgehen und diese globale Seuche halbwegs unbeschadet zu überleben. Wir dürfen uns nicht mehr so nah sein, wie gewohnt, müssen Abstand halten, um uns gegenseitig zu schützen. Distanz ist die neue Nähe geworden: in der Tat ist festzustellen, dass man offenbar mit Abstand viel freundlicher zueinander sein kann. Auf der anderen Seite verunsichert uns die kulturell ungewohnte Vermummung durch Masken und Handschuhe, wir erkennen unmittelbar, dass Nähe für eine funktionierende Gesellschaft unverzichtbar ist. Der virtuelle Raum der Social Medias gewinnt an Bedeutung, ist aber prinzipiell kein hinreichender Ersatz – eben kein Miteinander im Sinne des Wortes.

Beim Weitergehen frage ich mich: Was macht das mit einer Flächengemeinde, wie Steinau, wo die Nachbargemeinden augenblicklich noch weiter weg erscheinen? Was macht das mit den Menschen, die nicht mehr gemeinsam in der Kirche ihre Gottesdienste feiern, und sich hinterher nicht mehr freundschaftlich austauschen können? Was macht das mit den Vereinen, die für viele ein normaler Bestandteil der Freizeit geworden sind? Was macht das, wenn die sowieso nur karg belebte Innenstadt außer den Supermärkten und der Apotheke keine Anlaufpunkte zur gegenseitigen Kommunikation mehr bieten kann?

Hilfe zur Selbsthilfe – Eigenverantwortung zählt

Die Krise gebietet es uns, füreinander da zu sein und Nachbarschaftshilfe zu leisten. Wir haben mit den Türanhängern und Briefkasten-Aufklebern, die wir vor zwei Wochen in Steinau verteilt haben, einen ersten Impuls gegeben, damit Hilfesuchende auf sich aufmerksam machen können. (Bei Bedarf liegen noch ein Restposten von ca. 150 Stück bei Gandayo zum Abholen und zum Verteilen bereit.) Es liegt im Verantwortungsbereich von uns allen, diese Hilfesuche jetzt wahrzunehmen und aktiv zu helfen.

Ein weiterer Impuls für ein Miteinander kann die MyBodyPass-App sein, an der die Steinauer Agentur Gandayo ebenfalls ihren Anteil hat. Sie ist der vielversprechende Versuch, unser Freiheitsbedürfnis mit unserem Sicherheitsbedürfnis zu koordinieren. Im Gegensatz zu anderen Apps baut sie auf einem verantwortungsvollen Umgang jedes Einzelnen auf und stellt keine unkontrollierbare Massenüberwachung dar. Mit der kostenlosen MyBodyPass-App kann man sich jeweils mit raumbezogenen QR-Codes einscannen. Damit wird überall unsere ID anonym registriert. Sollte sich nun innerhalb der virusrelevanten Inkubationszeit von zwei Wochen herausstellen, dass man in einem Raum gemeinsam mit einer Corona-positiven Person war, wird man anonym und direkt benachrichtigt, so dass man sich freiwillig in eine selbst gewählte Quarantäne begeben kann, um seine Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen und Mitbürger vor einer Weiterinfektion schützt. Wir unterbrechen damit aktiv die Infektionskette. Mich persönlich überzeugt diese App. Ausführliche Informationen:

https://www.mybodypass.de/coronapass/

In diesen Zeiten der Krise, die bekanntlich immer auch die Chance zur Verbesserung der Ausgangssituation boten, besinnt sich unser Staat auf seine eigentliche Funktion, die äußeren Bedingungen des Zusammenlebens, die Existenzsicherung der Einzelnen zu garantieren: er kümmert sich um die flächendeckende medizinische Versorgung, strukturiert den Kampf gegen den unsichtbaren Virus und verhindert den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems. Auch in Steinau sind Geschäfte, Gaststätten, Fitness-Center, Friseure usw. geschlossen; nur wenigen Unternehmern gelingt es, die Umsatzausfällte mit Online-Shops und anderen kreativen Ideen zu kompensieren. Aber immerhin ist unser Staat (= sind wir) in der Lage, mannigfache Angebote an Unterstützung anzubieten, um drohende Insolvenzen abzuwenden:

https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Schlaglichter/Corona-Schutzschild/2020-03-13-Milliarden-Schutzschild-fuer-Deutschland.html

https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Themen/Schlaglichter/Corona/corona.html;jsessionid=8FE57CD8076B2B84DB464DCBAEC6F3CD.delivery2-replication

https://wirtschaft.hessen.de/wirtschaft/corona-info/foerdermittel-des-landes-hessen-der-corona-krise

https://wirtschaft.hessen.de/sites/default/files/media/hmwvl/richtlinie_soforthilfe_corona_in_hessen.pdf

Sie sind augenblickliche Hilfe in der Not und dennoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn wir später diese Solidarität nicht weiterleben. Deswegen wird es wichtig sein, dass wir nach Normalisierung der Lage besonders viel „nebenan“, d.h. in Steinau einkaufen, dass wir uns hier in den einheimischen Gaststätten und Kulturinstitutionen mit Familie und Freunden treffen, mal nicht in die Ferne schweifen, sondern vor Ort unsere einheimische Wirtschaft unterstützen.

Aus „Mehr Demokratie wagen“ folgt „Mehr Miteinander wagen“

Solidarität überwindet Parteilichkeiten und Partikularinteressen und eines sollte für uns in Steinau in der Zukunft wirklich existenziell sein: Mehr Miteinander wagen!

Jenseits der nationalen Grenzen zeigt sich die vielfach beschworene Solidarität jedoch eher verhalten, profitiert eben anders als der Handel nicht von der Globalisierung, von den übernationalen Vereinigungen, der Ideen Europas und der Vereinten Nationen. Das ist meines Erachtens nicht eine Frage des Systems, sondern eine Frage der Kultur, und diese Kultur müssen wir von der Basis her, in den kleinen politischen Einheiten aufbauen und pflegen.

Nähe hat man nicht automatisch in einem Kollektiv, sondern in der selbst gestalteten Mitte, in der sich der Eine mit dem Anderen trifft, im Miteinander. Im christlichen Sinn definiert man das verbindende Gefühl der Nähe als Liebe, in der Politik erstreben wir das Ideal des demokratischen Kompromisses, suchen nicht einfach nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Gegnern, sondern nach einer echten gemeinsamen Position als Ergebnis aller sachbezogenen, aber auch aller theoretischen Diskurse.

Ihnen Allen wünsche ich aufrichtig, dass Sie gesund bleiben und wir uns nach überstandener Krise fröhlich lachend wieder zusammenfinden können!

Mit freundlicher Erlaubnis aus der Gruppe "Steinau wie es früher war"