Steinaus Altstadt ist kein Freilicht-Museum

Erweiterung und Verbesserung des gastronomischen Angebots, ja klar, und vor allem Wiederbelebung des Weißen Rosses als Altstadt-Hotel, die Reaktivierung des Schlosses für das gesellschaftliche Leben, die Integration von Handwerks-Betrieben bei Vermeidung einer Dominanz von touristischen Souvenir-Shops, ein lebendiger Wochenmarkt, der seinen Namen verdient.

Wir alle kennen den Baum als eindrucksvolles Element der Natur. Bäume sind nicht nur Teil der Flora, sondern stellen Monumente dar, Wälder haben nicht nur wirtschaftlichen Nutzen, sondern sind naturhistorische Lebensräume; sie bringen uns die Natur und die Jahreszeiten näher, berühren uns emotional durch ihre intensiven erdigen Gerüche, durch das Rauschen ihrer Blätter im Wind, durch das lebendige Wechselspiel von Licht und Schatten, durch ihre Farbenpracht im Herbst. Doch woher kommt diese emotionale Bindung, diese unstrittige Urverbundenheit mit ein bisschen Holz?

Exkurs: Der Baum als Symbol erklärt unsere Gesellschaft

Wir sehen im Baum ein Symbol, in dem sich die Vorstellungen von einem über den individuellen Zeitraum hinaus reichenden Leben des Menschen in der Gemeinschaft verdichten: als Baum der Erkenntnis steht er im Zentrum des Paradieses, als Stammbaum versinnbildlicht  er die Geschichte einer Familie; seine Verwurzelung unterstreicht die Bedeutung der Ortsgebundenheit, seine Verästelungen und Verzweigungen veranschaulichen vielfältige Hierarchien; seine an die Jahreszeiten gebundenen Lebenszyklen beweisen die Idee der Wiedergeburt, in seiner Vergesellschaftung (als Wald) garantiert er das klimatische Überleben der Menschheit. Man könnte noch viele Assoziationen anschließen, doch wird schon in diesen wenigen Hinweisen deutlich wie eng wir in unserem Denken auf die gemeinsame Verwurzelung abzielen.

Sichtbar ist diese enge Verbindung des Menschen mit dem Baum auch in den mittelalterlichen Fachwerkbauten: erhalten vor allem in den kleineren, von Industrialisierung, Krieg und rücksichtslosen Modernisierungen verschonten Städten Deutschlands, lassen sie, befreit von den Putzschichten späterer Jahrhunderte in Gestalt der natürlichen und zugleich konstruktiven Ornamentik ihrer Fassaden einen urbanen, architektonischen Wald wachsen. Wussten Sie, dass in größeren steinernen Gebäuden und in brandsicheren Ziegelbauten der bürgerlichen Hansestädte die zentrale Holzstütze im Inneren „Hausbaum“ genannt wird?

Die Altstadt Steinaus ist ein Kleinod

Dieses bildhafte Verständnis lässt uns erkennen, dass es in der substantiell erhaltenen Altstadt Steinaus nicht nur um den Schutz einzelner Monumente geht, sondern um das gesamte Ensemble, dass es nicht um die künstliche Bühne eines Freilichtmuseums, sondern um die unverzichtbare Kontinuität bürgerlichen Gemeinsinns geht! In den Großstädten hat man den symbolischen Wert der Altstadt längst erkannt und versucht händeringend, auch wenn keine Überreste mehr vorhanden sind, wenigstens durch Rekonstruktionen eine Fake-Historizität zu schaffen – Steinau aber verfügt substantiell über dieses anderswo so schmerzlich vermisste historische Erbe, das es nicht nur zu erhalten gilt, das man wie ein Kleinod für die Stadt zum Glänzen bringen muss.

Steinau wiederbeleben - aber mit Feingefühl und Stilverständis

Historische Kontinuität beschränkt sich nicht auf die Konservierung eines Erinnerungsbildes und dessen touristische Nutzung; vielmehr geht es um die Bewahrung einer gewachsenen Gestalt, um die Fortschreibung einer Identifizierung mit einer mit diesem bestimmten Ort verbundenen Stadtgemeinschaft. Steinau ist in dieser Hinsicht viel mehr als nur Übernachtungsstation, als kurze Rast auf dem Weg zwischen zwei großen Handelszentren; es erlangte seine städtische Bedeutung nicht nur als Kreuzungspunkt zweier Handelswege, sondern auch als Nebenresidenz der hanauischen Landesherrschaft, vereinigt dementsprechend die bürgerliche mit der höfischen Kultur. Ein solches, tieferes Verständnis des Ortes bietet Orientierung für die allseits erwünschte Belebung der Altstadt, die man nicht als randlagiges Kneipenviertel dem Rummel ausliefern sollte, sondern als Innenstadt respektieren muss.

Das heißt: Erweiterung und Verbesserung des gastronomischen Angebots, ja klar, und vor allem Wiederbelebung des Weißen Rosses als Altstadt-Hotel, die Reaktivierung des Schlosses für das gesellschaftliche Leben, die Integration von Handwerks-Betrieben bei Vermeidung einer Dominanz von touristischen Souvenir-Shops, ein lebendiger Wochenmarkt, der seinen Namen verdient. Voraussetzung für einen solchen Master-Plan ist zunächst die Erstellung einer Denkmaltopographie und auf dieser Basis ein Bebauungs- und Flächennutzungsplan.

Der Altstadt Verein - Gedankenaustausch, der Spaß macht

Über all das konnte ich mit Martina Schmidt und Michael Keating als Vertreter des Altstadt-Vereins bei einem zweistündigen Treffen im „Rosengarten“ sprechen. Sie gaben mir nicht nur die Gelegenheit zum Gedankenaustausch, sondern auch die Gewissheit einer breiten Unterstützung bei der Realisierung der Pläne für die Altstadt von Steinau als wiederbelebtes Stadtzentrum; wir lieben Steinau und wollen vermeiden, dass es am Ende lediglich eine Theaterkulisse für durchziehende Touristen bietet oder sogar nur als Friedhof in Gestalt eines Freilichtmuseums von der Vergangenheit zeugt. Sie merken es vielleicht beim Lesen dieses Textes – ich bin Feuer und Flamme, den Gedanken und Ideen nicht nur Worte, sondern auch Taten folgen zu lassen.

Zu sehen sind die Vertreter des Altstadt Vereins, die an einem Tisch mit dem Bürgermeisterkandidat Groblewski über die nötigen Veräderungen in der Politik beratschlagen

Gemeinsames Diskutieren ist die Basis für gesunde Lösungsstrategien!