Written-Talks

Unserer parlamentarischen Demokratie gilt es Transparenz und Überzeugungskraft zurückzugeben, der Degeneration zu einer Schreibstubenherrschaft durch eine gefräßige Bürokratie entgegen zu wirken.

Das „Buch der Gesichter“ und die „Schnappschuss-Fernübertragung“

Mit der Einführung der digitalen Techniken in den 1990er Jahren veränderten sich unsere Kommunikationsweisen gravierend – 30 Jahre später ist die zunehmende und sich in ständiger Weiterentwicklung befindende Digitalisierung nicht mehr weg zu denken. Ein auf dem Smartphone-Foto ist innerhalb weniger Minuten mit den nötigen Bildverarbeitungstools verschönert, mit Hashtags versehen und einem coolen Spruch über die Messenger-Dienste (ver-)teilbar. Bisher habe ich mich wissenschaftlich „nur“ aus einem distant viewing mit den sozialen Medien auseinandergesetzt, der aktive Eigengebrauch war mir zwar ungefähr geläufig, jedoch hatte ich mich noch nicht im Buch der Gesichter (Facebook) oder bei der Schnappschuss-Fernübertragung (Instagram) registriert. Mit der Entscheidung, mich der Wahl zum Bürgermeister von Steinau zu stellen, fiel auch der Beschluss, mich ganz aktiv in die Welt der sozialen Medien zu begeben, um die jüngeren Generationen zu erreichen, ihnen die Gelegenheit zu geben sich einzumischen, an  unseren politischen und gesellschaftlichen Überlegungen teilzunehmen. Und wo würde das besser gehen als auf Facebook und Instagram?

Steinau-Talk – Bürger*innen, die sich informieren wollen

Noch bevor ich diesen Akt der Selbstveröffentlichung vollzog suchte Jörg Treffler, den Blogger der Seite „Steinau-Talk“, über eine Mittelsperson den Kontakt zu mir herzustellen mit der bezeichnenden Frage nach meiner tatsächlichen, real-physischen Existenz, hatte er mich doch bei Facebook nicht finden können. Ich antwortete ihm als Kandidat „aus dem Off“ und kündigte mich zu einem realen, nicht virtuellen Besuch bei ihm an, um meine materielle Existenz unter Beweis zu stellen, mich vorzustellen, mit ihm zu sprechen.

Wir hatten ein langes, offenes Gespräch ohne taktisches Versteckspiel, sondern beruhend auf dem guten Gefühl einer wohlwollenden gegenseitigen Neugier – eben ein ehrliches Interesse, sich kennen lernen zu wollen.

Seither verfolge ich den „Steinau-Talk“, der erfrischend anders, engagiert, kritisch, manchmal anklagend, provozierend, aber auch beschwichtigend und konstruktiv auf Probleme fokussiert und Lösungsvorschläge zur Diskussion stellt. Man gibt dort keine verbindliche Meinung vor, sondern respektiert die individuellen Einlassungen, ohne ihren argumentativen Stellenwert zu hinterfragen. Für mich ist er zu einer zusätzlichen Möglichkeit geworden, meine eigenen Meinungen und Antworten zu überprüfen, mich zu hinterfragen und von den Anmerkungen der interessierten Bürger/innen zu lernen.

Written-Talks: ein Bias, der für uns längst zum Alltag gehört

Was versteht man unter einem „Gespräch“ auf Facebook? Man spricht ja nicht miteinander, sondern teilt seine Gedanken zu einem angeschnittenen Thema schriftlich mit. Dieser abstrahierende Diskurs kann keinerlei unausgesprochenes feedback berücksichtigen, keinerlei Reaktion im Gesicht der Anderen ablesen. Begrifflich ist es kein „telling“, sondern ein „written-talking“, also eigentlich ein Widerspruch in sich. Diese Art von Talk ist keine Show, vermeidet Populismus und macht auch keine Biertischpolitik. Vielleicht kann man sie jedoch als eine mediale Ergänzung in der Tradition der GesprächsKULTUR eines Stammtisches sehen und vermittelt auf diese Weise den unverzichtbaren Gedankenaustausch im gesellschaftlichen „Miteinander“. Diese „written talks“, die als eine Art Gesprächs-Protokoll stehen bleiben, bilden unsere heutige Praxis einer parlamentarischen Demokratie ab. Sie fungieren als eine Form der politischen Meinungsbildung in unserer Massen-Gesellschaft. Längst vollzieht sich das politische Tagesgeschäft außerhalb des Parlaments in den Dienstzimmern der Administration, die offiziellen Abstimmungen obliegen den vorher bereits ausgehandelten Kompromissen.

Face to Face Gespräche sind nicht zu ersetzen, aber ergänzbar

Unserer parlamentarischen Demokratie gilt es Transparenz und Überzeugungskraft zurückzugeben, der Degeneration zu einer Schreibstubenherrschaft durch eine gefräßige Bürokratie entgegen zu wirken. Mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts bedeutet das auch, die sozialen Medien sinnbringend in die politische Meinungsbildung ein zu beziehen. Ich habe kein „Blatt vor den Mund genommen“ und meine Präferenz eines Face to Face Gesprächs immer deutlich artikuliert – und dazu werde ich auch immer stehen. Dennoch bin ich im Beethoven‘schen Sinn dem Fortschritt treu, der uns eine unzensierte totale Öffentlichkeit beschert hat: „[T]he logic of social media follows us long after we logout. There was and is no offline – […] the ,offline‘ has always been a phantom.“ (Nathan Jurgenson: The Social Photography, New York 2019)